Kleine Apologetik des römischen Canons

Die Vergegenwärtigung der Heilsgeheimnisse Christi - und mit ihr die Konsekration der Gaben – geschieht gemäß römischer Tradition, indem der Priester als lebendige Ikone und Stellvertreter Christi die Worte ausspricht, welche der Herr selbst am Abend vor Seinem Leiden über das Brot und den Kelch gesprochen hat, und - eingedenk Seiner seligen Passion und Auferstehung sowie Seiner glorreichen Himmelfahrt - das Brot des ewigen Lebens und den Kelch des immerwährenden Heiles darbringt und die Annahme dieser heiligen Opfergaben sowie ihre Übertragung auf den Altar der Heiligung erfleht.
Wie der hl. Nikolaus Kabasilas feststellt, ist die uralte römische Gebetsweise mit ihrer aufsteigenden (anabatischen) Epiklese das vollwertige Gegenstück zum Typus der herabsteigenden (katabatischen) Epiklese der orientalischen Liturgien, d. h. der Bitte um Herabkunft und Wandlung durch den Heiligen Geist.


Beide Gebetsweisen haben friedlich über die Jahrhunderte hinweg koexistiert, sich bewährt und waren nie kontrovers (im Gegensatz zu ihrer Hermeneutik). Erst als es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu Initiativen kam, den römischen Ritus in der Orthodoxie wieder in Gebrauch zu nehmen, kam man durch die Vermutung, daß Ost- und Westliturgie zwei divergierende Konsekrationsmomente hätten, auf den Gedanken, den ersten Teil der Epiklese der Chrysostomus-Liturgie von ihrem finalen Nebensatz abzutrennen, aus ihrem angestammten Kontext zu extrahieren und in fremden Boden zu verpflanzen, wo sie nun in der sogenannten "wiederhergestellten Liturgie des hl. Gregor des Großen" einen unvernünftigen Fremdkörper darstellt. Die hl. Eucharistie soll aber ein logosgemäßes Opfer (logike thysia) sein, wie der hl. Apostelfürst Petrus schreibt (1 Petr 2, 5).
 
Gutgemeinte Byzantinisierung entstellt den römischen Ritus genauso wie unbedachte Modernisierung. Beide Neuerungsimpulse gehen von seiner angeblichen Defizienz aus, aber erst unter ihrem Einfluß wird der Ritus tatsächlich defizient.
Doch nicht nur das! Ein byzantinisierter oder modernisierter Ritus oder eine Mischung aus beidem ist zweifelsohne ein Novum. Wenn nun aber gilt: "Es werde nichts eingeführt, was nicht überliefert worden ist" (nihil innovetur, nisi quod traditum est), wie der hl. Papst Stephanus I. († 257) schreibt, dann kann ein solcher Ritus nicht mehr mit Gewißheit als authentisches Mittel zur Unterweisung in der Glaubensregel (regula fidei) gelten. Schlimmstenfalls würde der altkirchliche Grundsatz Lex orandi statuat lex credendi ("Das Gesetz des Betens bestimmt das Gesetz des Glaubens") auf den Kopf gestellt.


Eingriffe in den Textbestand des Meßordo sollten sich daher auf ein Minimum beschränken. Das heißt konkret, daß im orthodoxen Westritus das Glaubensbekenntnis in Betreff auf den Hervorgang des Hl. Geistes ohne den späteren Zusatz "und dem Sohn" (filioque) gebetet wird.


Wir halten fest: Der unvoreingenommene und vergleichende Blick auf die Anaphoren in Ost und West befähigt, die eine apostolische Überlieferung (griech. Paradosis; lat. Traditio) in der Verschiedenheit ihrer Ausdrucksformen auf lokalkirchlicher Ebene zu entdecken. Die unterschiedlichen Ausprägungen erweisen sich bei näherem Hinsehen nicht als Verkürzung, sondern als Akzentuierungen, die jedoch auf das Ganze bezogen sind und bleiben.


Der Inhalt und der Zweck der Anaphoren, der eucharistischen Hochgebete, ist die Danksagung und die Konsekration der Gaben von Brot und Wein. Der römische Canon erfüllt seine Bestimmung und zwar gemäß der ihm eigenen Art, wenn dies nur in der hl. Kirche, wo die Gnadenströme fließen, geschieht.