Der christliche Mönch

Unser hl. Vater Benedictus verweist im Epilog der hl. Regel ausdrücklich auf die monastische Überlieferung östlicher Prägung, insbesondere auf die Regel des hl. Vaters Basilius des Großen. Der weite spirituelle Horizont, der hier aufscheint, ist nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen, sondern setzt, um geistlich Frucht zu bringen, die Verwurzelung im eigenen Erbe voraus.

 

Trotz so mancher Unterschiede, was die Gebräuche, die Ordenstracht, die Fastenpraxis und anderes mehr betrifft, lassen sich doch - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einige allgemeine Aussagen über das Leben des christlichen Mönches treffen:

 

Der Mönch geht auf dem selbstlosen Weg mit Jesus: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Mt 16, 24).
Der Mönch trennt sich innerlich und, soweit möglich, auch äußerlich von der Welt des Truges und der Täuschung. In Reue und Demut richtet er seinen Blick auf den mit einer Dornenkrone gekrönten und mit eisernen Nägeln durchbohrten Heiland. Durch Ihn, "das Lamm ohne Fehl und Makel" (1 Petr 1, 19), aus dessen geöffneter Seite die Sakramente des Heiles fließen, erlangt er die ersehnte Erlösung und die Heilung seiner Wunden und den Herzensfrieden.
 
Gott über alles zu lieben und Ihm in Demut und Geduld nachzufolgen, ist die tiefste und beglückendste Erfüllung unseres menschlichen Daseins. Das Kollektengebet zum Palmsonntag bringt diesen Spannungsbogen in der für die christlich-spätantike Romanitas charakteristischen Kürze (brevitas Romana) prägnant zum Ausdruck:
 
Omnipotens sempiterne Deus, qui humano generi, ad imitandum humilitatis exemplum, Salvatorem nostrum carnem sumere et crucem subire fecisti: concede propitius; ut et patientiae ipsius habere documenta et resurrectionis consortia meramur. Per eundem Dominum nostrum Jesum Christum, Filium tuum, qui tecum vivit et regnat in unitate Spiritus Sancti Deus, per omnia saecula saeculorum. Amen.
"Allmächtiger ewiger Gott, der Du, um dem Menschengeschlecht ein Beispiel Deiner Demut zur Nachahmung zu geben, unseren Heiland Fleisch annehmen und das Kreuz auf sich nehmen ließest: gewähre gnädig, daß wir Seine Geduld zum Vorbild nehmen und an Seiner Auferstehung Anteil zu erhalten verdienen. Durch denselben, unseren Herrn Jesum Christum, der mit dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes als Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."

 

Der Mönch befolgt im unablässigen Gebet die Mahnung des Herrn: "Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet." (Mt 26, 41) und die Aufforderung des hl. Völkerapostels Paulus: "Betet ohne Unterlaß!" (1 Thess 5, 17). Die Praxis der stillen Anbetung vor dem Allerheiligsten und die des Herzensgebetes oder Rosenkranzgebetes ist dem Mönch dabei ein wichtiges geistliches Rüstzeug.

 

Der Mönch, der in sich ruht, läßt sich nicht von seinen Leidenschaften vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen habe; auch läßt er sich weder von seinen positiven noch von seinen negativen Affekten bestimmen. Kommt es zu Streitereien zwischen Mitbrüdern, schließen sie vor Sonnenuntergang wieder Frieden (RB 4, 73). Ob beim Gebet oder bei der Arbeit, bei der Mahlzeit oder während des Ausruhens; - alles soll in Frieden und brüderlicher Eintracht vonstatten gehen.

 

In seiner von Demut geprägten Haltung nimmt der Mönch nicht die Mängel und Fehltritte seiner Mitbrüder und Mitchristen zum Anlaß, um über sie "zu Gericht zu sitzen". Vielmehr klagt er sich zuallererst selber an, bekennt vor Abt und Konvent seine Schuld und gelobt Besserung.

 

Der Mönch schämt sich seiner Armut nicht: "Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." (Mt 5, 1). Den Herausforderungen des klösterlichen Alltags begegnet der Mönch im Geist der Seligpreisungen und im Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit.
Der Mönch sucht die Stille. In der Stille kann der Mönch seine Aufermerksamkeit ganz auf Gott hinlenken. Schon der hl. Prophet Elias begegnete dem Herrn "im Säuseln sanfter Luft" (3 Kg 19, 12). Die Zeiten des Schweigens befähigen den Mönch ohne Ablenkung oder Anlaß zur Zerstreuung der geistlichen Lesung oder anderen Tätigkeiten, die der Abt ihm aufträgt, zu obliegen.

 

Der Mönch führt einen geistlichen Kampf, aber er tut dies nicht auf sich allein gestellt, sondern in einer Gemeinschaft, die ihn trägt und unterstützt: "Einer trage des anderen Last, und so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." (Gal 6, 2).
Der Mönch lebt in und aus der Erwartung der Wiederkunft des Herrn: "So wachet nun, da ihr nicht wisset, zu welcher Stunde euer Herr kommen wird!" (Mt 24, 42).
Der Mönch erfleht den lebensspendenden Heiligen Geist. Durch den Beistand und Tröster, den verheißenen Parakleten, erkennt der Mönch, daß das Ziel seiner Suche in der Vereinigung mit dem verklärten und verherrlichten Sohn Gottes liegt, der von sich sagt: "Wer mich sieht, sieht den Vater." (Joh 12, 45) und "Der Geist, der vom Vater ausgeht: Er ist es, der mich verherrlichen wird." (Communio am Pfingstdienstag).

 

Das ist es, was den christlichen Mönch auszeichnet. Nichts Faszinierenderes kann es auf der Welt geben!